Willkommen auf der ARCHIV-Seite des Bullinger-Jubliäums vom Jahre 2004
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Bilanz des Bullinger-Jahres

Entdeckt und gewürdigt - aber nicht auf den Sockel gehoben



Noch anfangs 2004 hiess es weitherum: "Heinrich Bullinger? Noch nie gehört!". Dies hat sich nachhaltig geändert. Bullinger ist definitiv aus dem überlangen Schatten Zwinglis herausgetreten. Er wurde als prägende Figur der Reformation entdeckt und gewissermassen rehabilitiert. Mit Ausstellungen und Gottesdiensten, Referaten und Artikeln, Lesungen und Konzerten hat man ihn geehrt und gefeiert - und doch nicht kritiklos idealisiert.

Das Herzstück des Bullingerjubiläums war die Ausstellung mit dem Titel 'Der Nachfolger' im Grossmünster. Die vom Ausstellungsmacher Ralph Weingarten konzipierte Ausstellung hat viele begeistert. Mit modernem Design und geschicktem Konzept ermöglichte sie ein sinnliches Eintauchen in die Zeit der Zürcher Reformation. Sie machte deutlich, wie gross die religiösen, sozialen und gesellschaftlichen Umwälzungen damals waren. Die Reformation veränderte damals nicht nur die Theologie und die kirchliche Praxis, sondern auch den Lebensgefühl und den Alltag der Menschen.

Die Ausstellung, die von über 80'000 Personen besucht wurde, hat Bullingers Leben und Wirken auf eindrückliche Weise dokumentiert. Mit Bildstelen und Tafeln, Vitrinen und virtuellen Zeitfiguren, Hör- und Videostationen und einer exzellenten Lichtführung wurde Bullinger augenfällig inszeniert: als akribischer Bibelforscher, unermüdlicher Prediger, leidenschaftlicher Historiker, vermittelnder Kirchenpolitiker, Anwalt der Armen und Bedürftigen, Protagonist der Glaubensflüchtlinge und nicht zuletzt auch als liebevoller Ehemann und Vater von elf Kindern.


Publizistischer Update

Bullinger war vor allem ein Mann des Wortes. Er hat der Nachwelt Tausende von Predigten, Traktaten, Schriften und Briefen hinterlassen. Diesen Schatz zu heben und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist ein zentrales Anliegen der Fachleute am Schweizerischen Institut für Reformationsgeschichte. Es ist erfreulich, dass in diesem Bullinger-Gedenkjahr nun eine ganze Anzahl von Fachpublikationen und auch populärwissenschaftlichen Schriften über Heinrich Bullinger erschienen sind. Schade nur, dass von der gross angelegten Bullinger-Biographie von Fritz Büsser erst der erste Band erscheinen konnte. Besonders gefragt war der reich illustrierte Ausstellungskatalog. Aufgefallen ist zudem eine reizvolle Produktion, die für den religionspädagogischen Einsatz gedacht ist - das Hörbild 'Das Pestsäcklein'. Das professionell gemachte, spannende Hörspiel beginnt mit einer Konfklasse, die die Bullinger-Ausstellung besucht. Da verschwinden unvermittelt ein Junge und ein Mädchen. Die beiden machen eine mysteriöse Zeitreise und landen dabei mitten in den Wirren der Reformationszeit und erleben da hautnah das Wüten der Pest.
Sinnliches Begleitprogramm

Schon bei der Planung der Ausstellung war den Verantwortlichen klar, dass die Ausstellung mit einem Begleitprogramm angereichert und belebt werden sollte. Dieses Konzept hat sich bewährt. In lockerer Zusammenarbeit mit der Aargauer Kirche, die Bullinger ebenfalls ehrte, da er als Sohn des katholischen Stadtpfarrers im kleinen Reussstädtchen Bremgarten aufgewachsen ist, fanden insgesamt wohl gegen 100 Veranstaltungen statt - in Bremgarten, Aarau, Kappel, Zürich, Winterthur und in vielen weiteren Kirchgemeinden. Die Formen der Veranstaltungen waren vielfältig. Bullingers Vermächtnis wurde nicht nur in vielen Gottesdienste thematisiert, es wurde auch konferiert, referiert, diskutiert, musiziert, getanzt und Theater gespielt. Es wurde aus alter Zeit erzählt - und nach der Relevanz des Alten für unsere heutige Zeit gefragt.


Würdigung und Abgrenzung

Antistes Bullinger wurde die Referenz erwiesen. Gewürdigt wurden insbesondere seine ausgeprägte Christologie ("solus Christus audiendus"), sein tiefes Gottvertrauen auch in schweren Zeiten und sein mutiger Einsatz für die Glaubensflüchtlinge. Aber auch seine Bundestheologie und seine dialogische Haltung in den damals heiss umstrittenen und konfessionalistisch aufgeladenen Glaubensfragen wurden als wegweisend bezeichnet. Wie nachhaltig uns die damalige Glaubensspaltung geprägt hat, machte jüngst - ziemlich unverhofft - die von der Bischofskonferenz lancierte Debatte um die eucharistische Gastfreundschaft und die Interkommunion deutlich. Diese Kontroverse zeigte schmerzlich auf, wie gross die seit der Reformation bestehenden Differenzen beim Kirchen-, Amts- und Abendmahlsverständnis noch immer sind.

Trotzdem machte Weihbischof Paul Vollmar bei einem Podiumsgespräch über die damalige Glaubensspaltung und die heutige Ökumene die gewagte Aussage, historisch gesehen sei die Reformation nötig, ja eine "gute Sache" gewesen. Die Reformation war ein Protest gegen die verkrustete und teils pervertierte mittelalterliche Kirche. Sie war eine humanistisch inspirierte, geistliche und soziale Emanzipationsbewegung. Aber sie war auch ein Kind ihrer Zeit und hatte ihre Schattenseiten. Zu Recht mutet uns der überbordende Eifer der Reformation heute bisweilen fremd an. Die Radikalität des Bildersturms, die Verbannung der Kirchenmusik. die moralinsaure Sittenstrenge oder auch die Diffamierung des Papstes als Antichrist - all das ist für uns heute nur noch schwer nachvollziehbar, ja ist nur verständlich aufgrund historisch-dialektischer Gesetzmässigkeiten.


Kontrapunktische Botschaften

Es war denn auch angezeigt, dass die Kirche bei allen Feierlichkeiten selbstkritisch auch Kontrapunkte setzte und damit deutlich machte, dass sich die reformierte Kirche im Laufe der Zeit doch markant gewandelt hat. Seit Jahrzehnten pflegt sie vielfältige, freundschaftliche Beziehungen zur katholischen Schwesterkirche. Ihr Verhältnis zu sakralen Bildern ist heute gelassen und respektvoll. Und die Kirchenmusik ist längst rehabilitiert.

Zwei Events machten diesen Wandel besonders deutlich. Am Vorabend des Bettags gestalteten die Stadtzürcher Kirchenkönig zum ersten Mal eine gemeinsame, stimmige Vesperfeier, die auf so gutes Echo stiess, dass diese Vesperfeier zur Tradition werden könnte. Und ab dem 11. September, dem traditionellen Gedenktag der Zürcher Stadtheiligen, wurde eine Videoinstallation über die wundersame Geschichte des einstigen Altarbildes in der Zwölfbotenkappelle des Grossmünsters gezeigt. Dieses einzigartige, fünfteilige Bild, das beim Bildersturm nur knapp dem Scheiterhaufen entging, wird dem Zürcher Maler Hans Leu d. Ä. zugeschrieben. Im Vordergrund des Bildes wird das Martyrium von Felix, Regula und Exuperantius gezeigt, während im Hintergrund auf einzigartige Weise das Panorama der Stadt Zürich um 1500 festgehalten ist.

Mit dieser Videoinstallation, die in Zukunft im Landesmuseum zu sehen sein wird, konnte zugleich das Vorurteil korrigiert werden, die Reformation habe apodiktisch alles Heilige abgeschafft und bekämpft. Tatsache ist, dass allein die Heiligenverehrung abgeschafft wurde. Bullinger hielt im Zweiten Helvetischen Bekenntnis fest: "Wir lieben die Heiligen wie Brüder und ehren sie durch Wertschätzung und rechtes Lob.". Diese differenzierte Position hat wohl mit dazu beigetragen, dass noch heute das Siegel der drei Stadheiligen auf jedem Regierungsratsbeschluss-Protokoll und in jedem Zürcher Passbüchlein zu finden ist.


Versöhnung mit den Nachfahren der Täufern

Im Rahmen des Bullinger-Jubiläums hat sich die Zürcher Kirche auch dem traurigsten Kapitel der Reformation gestellt: der blutigen Verfolgung der Täufer. Zusammen mit der Konferenz der Schweizer Mennoniten hat sie zu einem Begegnungstag mit den Nachfahren der damaligen Täufer eingeladen. Über 300 Personen aus Europa und Amerika haben an diesem Versöhnungstag teilgenommen.

Dieser Tag darf wohl als historischer Markstein bezeichnet werden. Die Zürcher Kirche hat endlich, nach fast 500 Jahren, den Mut gehabt, das Unrecht beim Namen zu nennen und Zwingli und Bullinger diametral zu widersprechen. Kirchenratspräsident Ruedi Reich sprach im gemeinsam gefeierten Gottesdienst ein Schuldbekenntnis und nannte die Täuferverfolgung einen "Verrat am Evangelium". Der Generalsekretär der Mennonitischen Weltkonferenz hielt von der Grossmünsterkanzel eine eindrückliche Gastpredigt. Zusammen sang man Lieder aus der reformierten und der täuferischen Tradition und vertiefte die Begegnung in verschiedenen Workshops.

Der bewegendste Moment war schliesslich die Einweihung des Gedenksteines für die ertränkten Täufer bei der Schipfe an der Limmat. Bei diesem Akt bat auch Stadtrat Robert Neukomm die Nachfahren der Täufer um Verzeihung des damals begangenen Unrechts. Mit dieser Gedenktafel ging ein langjähriger Wunsch der Mennoniten in Erfüllung. Noch 1952 hatte der Stadtrat ein entsprechendes Gesuch der mennonitischen Weltkonferenz mit dem Argument abgelehnt, dass es nicht opportun sei, damalige "Staatsfeinde" zu ehren.


Internationale Resonanz

Zwar wurde das Bullingerjubiläum über die Aargauer und die Zürcher Landeskirche hinaus nicht überall so intensiv wahrgenommen, wie man dies vielleicht hätte erwarten können. Aber die Resonanz war insgesamt gross. Beim offiziellen Festakt, der im Juni im Rahmen der Abgeordnetenversammlung des SEK stattfand, und beim anschliessenden Festgottesdienst waren viele prominente Gäste aus Kirche und Politik anwesend, aber auch viele Repräsentanten der protestantischen Kirchen in Europa. Und der im August durchgeführte Kongress des Institutes für Reformationsgeschichte führte die ganze internationale Community der Bullingerforschenden zusammen. Ein zusätzlicher Forschungskongress über Bullingers Werk und Wirkung fand in Toronto statt. Und im Bibelmuseum Budapest war eine ein Ausstellung mit dem Thema "H.B. - Der vergessene Reformator" zu sehen.

Auch das Medienecho war gross. Nicht nur die kirchliche Presse räumte Bullinger und dem Begleitprogramm viel Platz ein, auch Radio DRS, Tagesschau, NZZ und Tages-Anzeiger würdigten den 'vergessenen Reformator' und berichteten über den Festakt und den Täufertag. Erwartungsgemäss wurde der Täufertag in der weltweiten Gemeinschaft der Mennoniten ausserordentlich beachtet und geschätzt. In der Zeitschrift der Schweizer Mennoniten ("Perspektive") erschien dazu eine ganze Artikelreihe. Und auf der Homepage des Historischen Komitees der amerikanischen Mennoniten gibt es eine umfassende, kommentierte Dokumentation über den Versöhnungstag.

Überhaupt hat sich das Internet als umfassende Informations- und Dokumentationsplattform bewährt. Die Bullinger-Site (www.der-nachfolger.ch) verzeichnete insgesamt über 10'000 Besuche, viele davon aus Deutschland und den USA. Regelmässig berichtete auch das gut besuchte, evangelikale Internetportal www.livenet.ch über die Ausstellung und das Begleitprogramm. Und auch das Institut für Reformationsgeschichte hat im Internet ein umfassendes Archiv mit Artikeln, Referaten und Links zu Sendungen angelegt.

Fazit: Das Bullingerjahr hat uns eine überaus anregende Retrospektive beschert. Der Wert solcher Feierlichkeiten wird aber primär daran zu messen sein, inwieweit sie uns Impulse geben für die Gegenwart und Proviant sind für den Weg der Kirche in die Zukunft.


Am 16. Dezember 2004:

Philippe Dätwyler
Koordinator Bullingerjubiläum 2004


Links:
www.mcusa-archives.org/events/statements_index.html
(Homepage des Historischen Komitees der amerikanischen Mennoniten)

www.unizh.ch/irg/hblink.html
(Bullinger-Archiv des Institutes für Schweizerische Reformationsgeschichte)